Zeitzeug:innen
«Dream big»
Lukas Zingg, Fotografie HF, Film HF, Foto: 2020
Lukas ist der erste Student an der F+F, der zwei Studienfächer gleichzeitig belegt. Er studiert sowohl Film HF als auch Fotografie HF und obwohl «beides mit Kamera funktioniert, treffen sich hier zwei unterschiedliche Welten.»
 
Die von amerikanischen Landschaftsfotografen mit Grossformatkamera aufgenommenen Bilder waren es, die Lukas in den Bann zogen und ihn von der Fotografie als Kunst überzeugten. «Metergrosse Abzüge an der Wand, in die man eintauchen konnte wegen der Tiefenschärfe – das hat mich sehr beeindruckt.» Fotografie aber umgab und interessierte ihn schon lange vor dieser musealen Begegnung mit amerikanischen Werken: Auch Lukas’ Grossvater fotografierte und filmte leidenschaftlich gerne. Er war es, der ihm seine erste Kamera schenkte.

An die F+F zog es ihn nach seinem Studium an der Uni Zürich zunächst wegen der Fotografie, die er nicht mehr nur als Freizeitbeschäftigung ausüben wollte. Er wollte die Fotografie als Handwerk «richtig erlernen», erfahren, welche Stile es in der Fotografie gibt und herausfinden, wie sich seine Bilder einordnen lassen. An der F+F überzeuge ihn aber, dass «sie auch Praxis orientiert und nicht nur künstlerisch ist.» Die F+F stelle auch einen starken Bezug zur Branche und zum Berufsalltag her.

Aus dem einfachen Wunsch zusätzlich zu den Fotografiekursen «ein paar Filmmodule» zu belegen, ergab sich ein Parallelstudium. Lukas kann dadurch seine Interessen verbinden und ist mit seiner Wahl zufrieden: «Da die beiden Studienmodelle gut zueinander passen, es zeitlich gut aufgeht, muss ich kaum Abstriche machen.»

Welchen der beiden Studiengänge er bevorzuge, könne er nicht beantworten. Er schätze sowohl die dynamische Teamarbeit im Filmstudium als auch seine Zeit mit der Fotokamera. Das Filmstudium habe ihn aber in Bezug auf den Inhalt – «all die Details, auf die man im Film achten muss!» – ein bisschen mehr überrascht. 

«Eine gewisse Beharrlichkeit an den Tag zu legen, sich nicht von ersten Widerständen abbringen zu lassen und gross zu träumen – dream big!» sind Ratschläge, die sich auf beide Studiengänge anwenden lassen und gehören zu den besten, die Lukas von einem Dozenten erhalten hat. Dadurch konnte sich zum Beispiel die Möglichkeit ergeben, für ein Projekt mit namhaften Schauspieler:innen zusammen zu arbeiten.

Sein Fotografiestudium hat Lukas diesen Juni inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Für seine Diplomarbeit mit dem Titel Transit erhielt er den Förderpreis 2022 des Schweizerischen Werkbunds (SWB). Er reiste dafür entlang von unterirdischen Leitungen durch die Schweiz und hielt kritische Fragen nach dem Umgang mit Erdgas in einer fotografischen Reportage fest.

Als Filmstudent hingegen bleibt er der F+F noch ein bisschen erhalten.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Auch mit einfachen Formen kann man schon viel machen.»
Grace Ongarello, Selbstportrait, Fachklasse Grafik, 2022
Grace Ongarello absolviert an der F+F die Fachklasse Grafik im zweiten Jahr.
 
Inspiration für ihre Bilder findet Grace in «allem, was ich sehe.». Manchmal sind es Formen, die ihr spontan auffallen und die sie zunächst innerlich weiterspinnt. Am liebsten jedoch zeichnet sie Personen, Charaktere und Comics. Dass sie ihre Kreationen einfacher hält, die Figuren in letzter Zeit simpler sind, hat mit der F+F zu tun. «Ich habe gelernt von der Perfektion wegzukommen, weil es etwas ist, das einen hemmen kann.» Auch mit einfachen Formen könne man schon viel machen. Für die Fachklasse Grafik hat sich Grace an einem Infoabend entschieden als die Ausbildung vorgestellt wurde: «Da wusste ich, dass ich das machen will.»
 
Grace geniesst die Momente, wenn sie bei der Arbeit die Zeit komplett vergisst. So antwortet sie auf die Frage, welche Momente an der F+F für sie die schönsten sind, mit: «Wenn ich vertieft in der Arbeit bin, schon beinahe in einer Art Trance.» Besonders erfüllend sei auch, die fertigen Produkte, ausgedruckt und in Originalgrösse in den Händen zu halten.
 
Keine Angst davor zu haben, Fragen zu stellen und sich zu öffnen, habe sie an der F+F gelernt. Ihre anfängliche Zurückhaltung lag aber auch an ihrer Selbstständigkeit: «Ich arbeite sehr selbstständig und vergesse manchmal, dass ich anderen auch eine Frage stellen könnte.» Für sie ist die F+F «offen, einladend und frei.»
 
Durch ihre Lehre an der F+F nimmt Grace die visuelle Kommunikation im Allgemeinen viel stärker wahr: «Man versteht die ganzen Prozesse hinter einem einzigen Plakat. Ich kann nachvollziehen, warum welche Entscheidungen getroffen worden sind.»
 
Grace ist von den vielen Besuchen in die Berufswelt inspiriert, die sie mit der Fachklasse unternimmt und kann sich sehr gut vorstellen nach ihrer Lehre als Illustratorin oder Plakatdesignerin zu arbeiten, für Editorials zuständig zu sein oder ein eigenes Studio zu leiten und sich auf Grafik und Illustration zu spezialisieren. 

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Ich verliere mich gern in einem Projekt»
Andrea Sommer, Vorkurs berufsbegleitend, 2021
Andrea Sommer besucht an der F+F den Vorkurs berufsbegleitend.
 
Das Atelier ihres Grossvaters und überdimensionale Hühner, die sie im Kindergarten auf Wände zeichnete, sind Andreas früheste Erinnerungen an Kunst. Heute arbeitet sie als Lehrerin und schreibt gleichzeitig an ihrer Abschlussarbeit für den Vorkurs. Den berufsbegleitenden Vorkurs schliesst sie diesen Juni ab.
 
In ihrem Studium habe Andrea verschiedene gestalterische Techniken ausprobieren und Fähigkeiten entwickeln können, die vom Umgang mit Adobe Programmen, über textiles Schaffen und Zeichnen bis hin zum Siebdruck reichen. Im Vorkurs «findet man heraus, wie man arbeiten will» und welcher Unterrichtsstil zu einem passe. Im Filmbasiskurs beispielsweise habe die Klasse nach einer kurzen Einführung in die Technik keine weiteren Vorgaben erhalten. So kam es dazu, dass die Studierenden einen Film ausserhalb des Schulgebäudes drehten und weit über die Unterrichtszeit hinaus an ihrem Projekt tüftelten: «Wir waren doppelt so lang dran und es hat doppelt so viel Spass gemacht.» Andrea «verliert sich gern in einem Projekt» und habe das Offene des Unterrichts längst zu ihrer eigenen Arbeitsweise gemacht: «Ich ziehe gern mein eigenes Ding durch, setzte mich mit Sinnfragen auseinander, lese gerne queerfeministische Sachliteratur und finde Inspiration in Kochprozessen.»
 
Zu den Höhepunkten des berufsbegleitenden Vorkurses gehören für Andrea die gemeinsam verbrachte Projektwoche im Tessin und die daraus resultierenden Werke. Während dieser Zeit entstand eine künstlerische Partnerschaft mit Angela Pavlovic, einer Mitstudentin: «Wir haben gemerkt, dass wir eine gute Inspirationsquelle für die jeweils andere sind.». Zusammen realisierten sie die Installation «Sun conscious», in der sie Bilder mit Sonnenlicht erzeugten und entwarfen ein gemeinsames Konzept für ein Ausstellungsprojekt namens «Do you ever panic, Houdini?» des Kino Houdini und der F+F.
 
«Kill your darlings» sowie «nie gleichzeitig arbeiten und analysieren» sind für Andrea die beiden besten Ratschläge, die sie aus dem Vorkurs mitnimmt: «Das sind für mich zwei wichtige Prinzipien, wenn man als Künstlerin arbeiten will. Es ist wichtig, nicht bei den Lieblingsideen stehen zu bleiben und darüber hinaus zu denken.»
 
Für die Zeit nach dem Vorkurs schmiedet Andrea bereits Pläne. Ab Herbst studiert sie an der Hochschule Luzern Kunst und Vermittlung und kann sich vorstellen, nach ihrem Abschluss beispielsweise an einer Kantonsschule Kunst zu unterrichten.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Man lernt über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen»
Jonathan Heimgartner, WBM 2021, Model: Jeremias Heimgartner
Jonathan besuchte an der F+F den einsemestrigen Lehrgang Weiterbildung Modedesign und schloss diesen im Januar 2022 erfolgreich ab. Heute absolviert er ein Praktikum bei YVY, einem Textilunternehmen in Zürich, arbeitet gleichzeitig an der Weiterentwicklung seines Portfolios und an Entwürfen für eine neue Kollektion.
 
Jonathan, der eine grosse Leidenschaft für das Handwerk hegt, schloss zunächst eine Ausbildung als Bekleidungsgestalter EFZ ab. Um noch tiefer in die Welt der Mode einzutauchen, die akademische Seite des modischen Gestaltens zu erfahren und sich gleichzeitig mit kreativen Herangehensweisen auseinanderzusetzen, meldete er sich zur Weiterbildung an der F+F an.
 
Weil die Weiterbildung auf «Schneider ausgelegt ist» und weil Jonathan hier das Handwerk mit dem Kreativen optimal verbinden konnte, fiel die Wahl auf die F+F. Dass man an dieser Schule individuell unterstützt wird, lernt für ungewöhnliche Umsetzungen offenzubleiben und dass «man hier in kurzer Zeit viel machen kann» wird deutlich als Jonathan davon erzählt, wie er einen Heissluftföhn benutze, um Oberflächenstrukturen in Textilien zu entwickeln, aus einer Krawatte innerhalb von fünfzehn Minuten eine Halskrause gestaltete oder einen Liedtext mit Stoffen visuell verarbeitete. Jonathan schätze es sehr, das kreative Arbeiten ein ganzes halbes Jahr in den Vordergrund stellen zu können, vom Erfahrungsreichtum unterschiedlicher Dozierenden zu schöpfen und sich mit anderen Studierenden auszutauschen und zu vernetzen.
 
Die Verbundenheit zu anderen Studierenden kommt beispielweise zum Ausdruck, als Jonathan vom Entschluss erzählt, die pandemiebedingt abgesagte Studienreise zu viert und in Eigeninitiative dennoch anzutreten – nach Antwerpen, wo er die Inspiration für seine Abschlussarbeit fand. Zum vorgegebenen Thema «Konzentrieren, Reduzieren» entwarf er eine unklischierte, neu interpretierte, maritime Kollektion, die von den Schiffen, den Matrosen und insbesondere der traditionellen Bekleidung der Fischer Antwerpens inspiriert ist. Aus zwei zur Verfügung gestellten Stoffen kreierte er drei Outfits. Dazu zählen ein Mantel, ein Jumpsuit, Hosen mit aus Schiffstau angefertigten Hosenträgern und ein Fischerhut. Um Sepiatöne und einen used-look zu erzeugen, färbte Jonathan einen der Stoffe mit Schwarztee ein.
 
«Eine Kollektion komplett mit Fotoshooting durchzuziehen, eine Kampagne zu lancieren – das hätte ich mich vor der F+F nicht getraut». Dadurch, dass die Abschlussarbeit in einem lookbook festgehalten werden sollte, kam Jonathan über die Weiterbildung mit Modefotografie in Berührung. Vom Designer zum Fotografen inszenierte er die Kollektion in einem Angelpark im Kanton Thurgau. Über das kreative Arbeiten an der F+F sagt er abschliessend: «Häufig kommen die Dinge ganz anders als geplant und trotzdem kommen sie gut. Man lernt über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen und beweist sich selbst, dass man es kann.»

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Es ist sehr herzlich hier.»
Cassandra Zehnder, Selbstportrait, Fachklasse Grafik, 2022
Cassandra Zehnder besuchte an der F+F den Vorkurs und absolviert inzwischen die Fachklasse Grafik im zweiten Jahr.

Bei Cassandra, die schon als Kind nie aufhörte zu «chribbeln», erwuchs ihr Studienwunsch aus ihrem – sowohl analogen als auch digitalen – unaufhörlichen Zeichnen. Dass die Wahl auf die F+F fiel, sei den schwärmenden und manchmal wehmütigen Worten einem ihrer früheren Lehrer, einem ehemaligen F+F’ler, zu verdanken.

Auch Cassandra findet viele lobende Worte und fühlt sich an der F+F gut aufgehoben: «Sehr viele Leute sind extrem unterstützend. Ich konnte bis jetzt auf so ziemlich jeden Dozenten zugehen und jeder hat mit Leidenschaft geholfen. Es ist sehr herzlich hier.» Zu den Dingen, die sie an der F+F schätzt, gehört die «Atelierstimmung», die Möglichkeit zu haben, sich in unterschiedlichen Medien auszuprobieren, aus Fehlern zu lernen, Fähigkeiten auszubauen und zu verbessern. Bereits im Vorkurs hätte die Klasse zum Zeichnen beispielsweise Touche, Bleistift, Kohle oder Gouache gebraucht. Sie sagt: «Man wird nicht belehrt. Man bekommt nicht gesagt, wie man einen Bleistift zu gebrauchen hat.»

An ihrem Lehrgang gefällt ihr die stabile Basis, die sie sich durch ihre Ausbildung aneignen kann: dass der Lehrgang viele Orientierungspunkte bietet, umfassend aufgebaut ist und dass sie durch die Fachklasse Grafik die Möglichkeit hat, sich auch «illustrativ auszuleben». Zu den schönsten Momenten ihres Alltags an der F+F zählt Cassandra die Zeit mit ihren Mitstudenten. So hat die Klasse beispielsweise eine ganze Wand voll mit Photoshops und Insidern aus dem Unterricht kreiert. Durch das gemeinsame Lachen wächst die Freude am Lernen: «Ich freue mich immer hier hin kommen zu können.»

Selbst ausserhalb der Schule spüre Cassandra den Unterricht: «Ich analysiere alles, auch Dinge, die ich früher nie genau betrachtet hätte, wie Strassenschilder, Farben, Schriften, die ganze Signaletik – es ist schlimm.». Sie ist überzeugt: «Ich hätte wahrscheinlich nie so viel gelernt, wäre ich an einer anderen Schule.» Aus ihrem Skizzenbuch wachsen die Bilder förmlich heraus. Sie interessiert sich für konzeptionelles Zeichnen und hat als Teilnehmerin einer «Pen-&-Paper»-Gruppe zum Spiel Dungeons and Dragons schon eigene Welten und Charaktere gebildet. Es sind vor allem die Menschen um sie herum, in denen sie die grösste Inspiration für ihre Illustrationen findet.

Als Grafikerin tätig zu sein, freiberuflich Illustrationen zu kreieren, sich vielleicht in Richtung Comiczeichnung oder sogar Gamedesign zu bewegen – das sind Cassandras Träume und Wünsche für die Zeit nach der Lehre.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Man braucht nicht für alles in der Welt Antworten.»
Marino Pranjic, Modedesign HF, 2020
Marino Pranjic studiert im zweiten Semester Modedesign HF.

Spätestens nach der Modenschau von Raf Simons für Dior war für Marino klar, dass er «etwas mit Mode zu tun haben» wollte. Zusammen mit einem Kollegen meldete er sich an der F+F an und beide wurden prompt aufgenommen. Angesprochen hat Marino, dass «die F+F so frei ist» und das «Out of the box-Denken, das von den Dozierenden auch im Unterricht gefördert wird».

Zu einem der schönsten Momente in seinem bisherigen Studium zählt Marino die erste Semesterprüfung. Dort wurden seine Kreationen zum ersten Mal in einer kleinen Modenschau präsentiert: «Meine Mode an einem Menschen zu sehen – dass meine Kleidung also getragen und geschätzt wurde – war für mich ein Gänsehautmoment». Seine aktuellen Designs sind inspiriert von der Architektur, vom Brutalismus der 50er Jahre. Die Kreationen dieser Kollektion charakterisieren sich durch klare Linien, geometrischen Formen, gedeckten Farben und sind bei Marino nicht auf ein spezifisches Geschlecht ausgerichtet. Marino habe beim Entwerfen nicht den Träger oder das Endprodukt im Kopf. 

Für ihn ist die Kreation von neuen Stücken vor allem auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Art «Meditation». «Meine Mode hat oft mit meinen Wurzeln zu tun. Ich lerne mich selbst besser kennen, seitdem ich hier [an der F+F] bin.». Durch die Sprache der Mode sucht er Antworten auf seine Fragen nach Herkunft und Identität. Dass er dabei aber nicht immer fündig werde, störe ihn nicht, denn: «Man braucht nicht für alles in der Welt Antworten. Wenn ich alle Antworten hätte, dann gäbe es auch nichts zu erforschen. Viel spannender als das Endprodukt ist für mich, was ein Designer im Entstehungsprozess gefühlt hat.». Diese Erkenntnis habe er an der F+F gewonnen.

Die F+F sei nicht eine Schule, wie man sich «Schule» vorstelle. «Verrückt, widersprüchlich, liebenswert» so, sei die F+F. «Jeder wird individuell gefördert und die eigenen Gedanken werden wertgeschätzt.». Der Unterricht an der F+F entspricht Marino sehr, er sagt: «An der F+F werde ich gehört.».

In der Zeit nach seiner Ausbildung kann sich Marino gut vorstellen, als Stylist für eines der grossen Modehäuser zu arbeiten.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Die F+F ist experimentell, forschend und inspirierend.»
Noah Joel Huber, Kunst HF, Foto: Jos Schmid, 2022
Noah Joel Huber studiert an der F+F Kunst HF im zweiten Semester.

«Kitschige Landschaftsdarstellungen, die eine perfekte Welt zeigen» sind Noahs früheste Erinnerungen an Kunst. Die Bilder hingen in der Wohnung seiner Grossmutter und sind Replikate eines unbekannten schwedischen Künstlers. Bei Noah, der sich in seiner Kunst zwischen Installation, Performance und Zeichnung bewegt und «dazu neigt Dinge zu dekorieren» dürfen künstlerische Umsetzungen auch heute noch «kitschig werden». Perfekte Welten hingegen finden sich in seinen Werken weniger, dafür aber Identitätsfragen, gesellschaftspolitische Themen oder die Auseinandersetzung mit Stereotypen. Kürzlich schloss er eine Arbeit mit dem Titel Requiem for an enemy ab, eine Abdankung für die Selbstdarstellung.

Das Bedürfnis etwas Kreatives zu machen, führte ihn nach seiner Ausbildung im Gesundheitswesen an die F+F. «Das Konzept des Freien und der rebellische Hintergrund der F+F» zogen ihn an: «Der klassische Schul- und Frontalunterricht hat mir nie richtig entsprochen.». Noah wünschte sich immer eine Schule, an der er «total frei» sein konnte, machen konnte, was er wollte und war überrascht davon, «dass es diesen Ort tatsächlich gibt und war [von der F+F] völlig hin und weg». Die aktive Mitwirkung der Dozierenden im nationalen und internationalen Kunstbestrieb und dass die Schule dadurch «mit dem Fuss immer auch im aktuellen (Kunst-)Geschehen drin ist», waren für Noah weitere Gründe, sich für die F+F zu entscheiden.

Stark von seiner früheren Tätigkeit am Theater geprägt, habe Noah «schon immer multimedial gearbeitet». Er «kann und will» sich in seiner künstlerischen Arbeit nicht auf nur ein Medium festlegen, wodurch seine Wahl konsequenterweise auf das Kunststudium fiel: «Kunst ist sehr facettenreich und deckt mein Bedürfnis nach dem Multimedialen ab.». Am Unterricht schätzt er beispielsweise die Möglichkeit, viel Neues ausprobieren und erforschen zu können, immer wieder über den Rand des Skizzenbuchs hinauszuwachsen oder den fundierten theoretischen Hintergrund: «Die F+F ist experimentell, forschend und inspirierend.».

Ob er schon Pläne für die Zeit nach der F+F schmiedet? «Mein Wunsch ist es, an Schnittstellen arbeiten zu können». Als «Genussmensch» ist es für Noah wichtig, den Moment zu leben und mit ganzem Herzen dabei zu sein. Ob in Projekten für grosse Museen oder als Kunstpädagoge: «Ich werde einfach dorthin getrieben, wo es richtig für mich ist.» Schliesslich stand auch ein Kunststudium ursprünglich nicht auf dem Plan.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Die F+F ist skurril, familiär und nicht fassbar.»
Marvin Jumo, Foto: Anne Gabriel-Jürgens, April 2022
Marvin Jumo studiert an der F+F im vierten Semester Fotografie HF.

Eine Fotokamera, die er auf den Geburtstag geschenkt bekam, ist Marvin Jumos früheste Erinnerung an den ersten Kontakt mit Fotografie. Er packte die Kamera aus und knipste sofort drauf los. Sein erstes Motiv? Einer der Gäste. Ein Geburtstagsgast probierte mit ihm die Kamera aus und liess sich ablichten: Marvins erstes Portraitfoto war entstanden. Die neu-entdeckte Faszination am Medium der Fotografie liess ihn auch Jahre nach jener Geburtstagsfeier nicht los. Auch der Darstellung des Menschen – in all seinen Facetten – durch die Portraitfotografie sollte eine wichtige Rolle zukommen und sich zu einem festen Bestandteil seiner Werke entwickeln.

Nach zunächst anderen beruflichen Stationen fern der Fotografie, als Landschaftsgärtner etwa oder auf dem Bau, folgte er seinem inneren Wunsch, sich vertieft mit Fotografie auseinanderzusetzen und meldete sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an der F+F an. Die Offenheit, das Familiäre und die Überschaubarkeit der Schule sprachen ihn an. 

Den besten Ratschlag, den Marvin an der F+F erhalten hat, war, «einfach mal zu machen» und «sich zu trauen, auf Leute zuzugehen, Dinge zu tun, von denen man denkt, dass sie nicht funktionieren würden und an den Erfahrungen zu wachsen». Diesen Ratschlag in die Tat umgesetzt hat er beispielsweise in seinem Projekt «Lochergut», das in Auszügen während der Jahresausstellung 2021/22 an der F+F zu sehen war. Für die «Lochergut»-Portraits hat er spät abends ihm unbekannte Menschen auf den Strassen des gleichnamigen Zürcher Quartiers angesprochen, «für die Kamera gewinnen können und gemeinsam [je] ein Bild kreiert.» Entstanden sind dabei authentische Portraits, Momentaufnahmen, die die Menschen in einem Augenblick ihres Alltags zeigen. Die Portraits widerspiegeln aber auch Marvins Empathie, seine feinfühligen Interaktionen mit den Passanten. Er erinnert sich: «Leute haben Freude, wenn man sie anspricht, [man] menschlich ist und Interesse zeigt.».

Durch das Studium an der F+F habe Marvin technisch sehr viel dazulernen und sich ein Know-how für die Berufspraxis aneignen können, «womit ich mehr Professionalität an den Tag legen kann, wenn ich an ein Fotoshooting gehe.» Er fühlt sich durch die F+F «standfester in der Materie der Fotografie.» 

Am Unterricht schätzt Marvin die gute Begleitung und das stets «offene Ohr» der Dozierenden. Als Richtlinien bevorzugende Person übt Marvin neben dem Lob auch Kritik: Er empfindet den «auf das Experimentelle ausgelegten Unterricht» manchmal als «zu offen, zu experimentell». Zusammenfassend würde er die F+F in drei (oder eher vier) Worten als «skurril, familiär und nicht fassbar» beschreiben.

Auch für die Zeit nach der F+F hegt Marvin schon Pläne. «Mein Ziel ist es, etwas mit den Bildern zu bewegen.» Im Fotojournalismus beispielsweise würde er gerne Fuss fassen. Marvin interessiert sich für Tabuthemen, fordernde Situationen und Krisengebiete. Solche Orte würde er gerne aufsuchen, um fotografisch davon zu erzählen: «Diesen Wunsch trage ich schon seit Jahren in mir.»

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
Den wertvollsten Ratschlag, den Ronya an der F+F erhielt, war, ihrem Herzen zu folgen...
Ronya Peter, WBM, Hut, 2021
Ronya Peter absolvierte den einsemestrigen Lehrgang Weiterbildung Modedesign an der F+F und fügt ab Herbst 2022 den Studiengang HF Modedesign an.

In der Zwischenzeit arbeitet sie mit der Dozentin und Modedesignerin Arienne Birchler zusammen, ein Kontakt, der an der F+F zustande gekommen ist, nimmt Einzelaufträge entgegen und stellt zusammen mit einer Freundin sechzig Hüte für eine Kinderzunft her. Ja, Ronya Peter ist nicht nur gelernte Schneiderin, sie ist auch Hutmacherin. Und wer bei diesem letzten Stichwort an Lewis Carolls «Alice im Wunderland» denkt, liegt richtig: Der Klassiker ist für Ronya eine grosse Inspiration, sie fühlt sich wohl in der Welt der Kostüme und arbeitet am liebsten mit satten, dunklen Farben.

Ein sattes, dunkles grün findet sich beispielsweise in ihrer Abschlusskollektion wieder, die sie an der F+F im Modul «Kollektionsgedanke» entwarf. Die Inspiration zu ihrer Mini-Kollektion fand Ronya dieses Mal jedoch nicht in der Literatur, sondern in der Architektur: Im Port House mit Zaha Hadids futuristischem Neubau liegen die klaren Linien und geometrischen Formen dieser Kleidungsstücke begründet. Das Port House (auch: das Havenhuis) liegt im Hafen der Stadt Antwerpen, den sie zusammen mit drei weiteren F+F Studierenden auf einer eigenständig organisierten Studienreise besuchte.

Es war ihr Wunsch nach einer vertieften Auseinandersetzung mit Modedesign, der sie nach ihrer Ausbildung zur Bekleidungsgestalterin EFZ an die F+F führte. Die kreative, ungebundene Arbeitsweise von Modedesigner:innen, die in grossem Kontrast zu den konkreten, sehr klaren Aufträgen von Schneider:innen steht, sprach sie an. Ronya schätzte es sehr, während der Weiterbildung frei ihre eigenen Projekte zu verwirklichen. Diese Freiheiten stellten sie zuweilen aber auch vor Herausforderungen.

Den wertvollsten Ratschlag, den Ronya während des Unterrichts an der F+F erhielt, war, ihrem Herzen zu folgen, sich von Farben, Formen und Materialien tragen zu lassen und dabei nicht zuviel nachzudenken. So simpel dieser Ratschlag anmuten mag, so effektiv war er für Ronyas Kreationen. Den während ihrer Schneiderlehre angeeigneten Perfektionismus lernte sie dadurch aufzulockern, ohne jedoch ihre – und die beim Schneidern so wichtige – Genauigkeit zu verlieren.

Nach dem Studium kann sich Ronya gut vorstellen als Kostümdesignerin zu arbeiten. An der Theater- und Filmwelt fasziniert sie die Vielseitigkeit der Kostüme und die Fülle an unterschiedlichen Materialien, mit welcher sich Kostümdesigner:innen tagtäglich auseinandersetzen können. Ein eigenes Modelabel zu gründen und zu führen, bleibt aber auch nicht ausgeschlossen.

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Die F+F ist eine Bereicherung für die ganze Persönlichkeit.»
Kerstin Wittenberg, Selbstportrait, Kamera: Jos Schmid, 2022
Kerstin Wittenberg absolvierte den berufsbegleitenden Vorkurs an der F+F und ist hier inzwischen im vierten Semester HF Kunst eingeschrieben.

Der feministische Science-Fiction-Roman «Die linke Hand der Dunkelheit» von Ursula K. Le Guin und Werke der Künstlerin Marlene Dumas waren die Auslöser für Kerstins aktuelle malerischen Arbeiten zum selbstgewählten Thema «Klassenportraits». Die im Roman beschriebene Gesellschaft, in der es kein biologisches Geschlecht gibt, und die daraus resultierenden Macht- und Sozialstrukturen werfen Fragen zur eigenen Identität auf: «Ich erinnere mich daran, wie es [damals] war, wie ich war und [ich] denke darüber nach, wie ich jetzt bin und wie es wohl sein könnte, wenn diese dualisierenden Kategorien nicht wären.» Durch die Interpretation alter Schulklassenfotos setzt sich Kerstin mit dem «beschriebenen Ich» auseinander. Malerisch sucht sie nach Antworten, benutzt dafür Tinte, Acryl und Grafit und kreiert Bilder zwischen Abstraktion und figürlicher Malerei.

Eine theoretische Einordnung ihrer künstlerischen Arbeit ist für Kerstin seit dem Studium an der F+F bedeutender geworden. Es stehen nicht mehr nur der Malprozess und die Freude am Schönen im Vordergrund: «Das ästhetische Empfinden habe ich immer noch und will es auch ausleben. Dass dahinter eine Haltung, eine Position, eine theoretische Verortung steht und dass das wichtig ist, erkennt man dann im Studium. Die eigene Ästhetik spielt immer mit, aber man sollte nicht nur an ihr hängen bleiben».

Durch die F+F begegnete Kerstin neuen Denkansätzen und lernte, noch genauer hinzuschauen, noch kritischer zu hinterfragen, andere Blickwinkel einzunehmen, offen zu sein und dabei gleichzeitig eine eigene Stellung zu beziehen. Sie sieht das Studium als eine Möglichkeit, in einem offenen, familiären Umfeld eigene künstlerische Wege zu finden, ohne von den Dozierenden in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden, denn die Verantwortung bleibe immer bei einem selbst. Ja, so funktioniere es an der F+F: «Man muss engagiert sein, um profitieren zu können.» 

Zu den bisher schönsten Momenten zählt sie das gemeinsame Ausstellungsprojekt der F+F mit dem Zürcher Museum Strauhof zum 50. Jubiläum der Schule. Die Mitwirkung am Projekt ermöglichte Kerstin die Teilnahme am aktuellen Kunstgeschehen. Die Begegnung auf Augenhöhe mit den Dozierenden und den gegenseitigen Respekt, «man respektiert sich gegenseitig in seiner Vielfalt», trägt sie in besonders schöner Erinnerung.

Für Kerstin ist das Studium an der F+F mehr als nur Kunst. Sie beschreibt das Studium als «gesellschaftspolitisch» und die Schule – in drei (oder etwas mehr) Worten – als eine offene, familiäre, vielfältige Kunstwerkstatt, die Freiräume schafft und Praxis und Theorie vereint. Oder wie sie es abschliessend in einem Satz ausdrückt: «Die F+F ist eine Bereicherung für die ganze Persönlichkeit.».

Text: Anamaria Novak
Zeitzeug:innen
«Die F+F hat mich geflasht.»
Diplomkollektion REALITY IS PERCEPTION von Laura Heer-Vermot-Petit-Outhenin, 2020, Foto: Maurice Keiser
Als sich Laura Heer-Vermot-Petit-Outhenin an der F+F bewarb, war sie gerade alt genug für den Studiengang Modedesign HF. Inzwischen hat sie mit einem Förderpreis abgeschlossen. Im Gespräch erzählt sie, was ihr von der Zeit an der Schule bleibt.

Direkt nach der Schule schloss Laura den Berufsvorbereitungskurs an der Modefachschule Modeco an, dann kam sie zur F+F an den Studiengang Modedesign HF. Im ersten Semester feierte sie ihren 18. Geburtstag. «Kreativität war für mich der einzige Weg», sagt Laura, «alles andere war keine Option.» An der Mode fasziniert sie, dass kein Weg an ihr vorbei führt: «Mode ist die Disziplin in der Kunst, die jeden dazu zwingt, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Mode findet immer statt.»

Durch Mode drückt Laura Wandelbarkeit und das ganze Spektrum ihrer Persönlichkeit aus. Und so wählte sie auch ein sehr intimes Thema für ihre Diplomkollektion REALITY IS PERCEPTION. In skulpturalen Entwürfen übersetzt sie Schmerz und physisches Unwohlsein ins Textile. Es sei die erste Kollektion, in der sie ihre Stärken voll habe ausleben können, erzählt Laura. «Ich finde meine Sprache am Körper und nicht auf dem Blatt.» Trotz des schweren Themas hinterlässt die Arbeit viel Positives – zum Beispiel den Förderpreis der F+F. Das Preisgeld deponiert sie vorerst auf dem Sparkonto. «Am liebsten möchte ich es nutzen, um mich im Styling selbstständig zu machen. Aber erst mal muss ich Schlaf nachholen», lacht die Designerin.

Von der Studienzeit nimmt Laura viele Kontakte und die ansteckende Energie der Mitstudierenden mit. «Die F+F hat mich geflasht. Sie ist ein Chaos, aber ein positives Chaos.» Die Dozierenden fördern und fordern, was die Studierenden zur Selbständigkeit animiert und ihnen Sicherheit für die spätere Arbeitswelt gibt. Bei dem Schweizer Label YVY der Modedesignerin Yvonne Reichmuth konnte Laura noch während des Studiums in einem Praktikum erste Erfahrungen sammeln. Den Kontakt dazu bekam sie über die Schule. Und der beste Ratschlag, den ihr die Dozierenden mit auf den Weg gaben? «Bügeln. Vor jeder Präsentation ordentlich bügeln – das rettet jede Kollektion.»

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
Gopferchlemmi bliib doch Jenny!
Sein Vater war Bauer, Metzger – und Dragoner, seine Mutter eine der ersten Frauen im Glarnerland, die nicht nur Auto fahren konnte, sondern auch ein eigenes Auto besass.

Eigenwilligkeit hat seine Vorfahren stets ausgezeichnet, so auch seine Eltern – und ihn selbst. «Ich habe gelernt, die Berge «tief» zu halten», sagt Peter Jenny. «Das gilt auch dann, wenn man oben auf der Spitze ist, ganz besonders im Nebel: Da wird der Berg zum fliegenden Teppich. Fantasie und Träume bleiben wichtig.»

Peter Jenny hat in Glarus Schriftsetzer gelernt und 1964 die Prüfung zum Vorkurs der Kunstgewerbe­schule in Zürich bestanden, wo er bei Serge Stauffer auch fotografieren lernte. Er hatte aber schon da seine liebe Mühe mit der etablierten Art des Unterrichts: «Uns wurde einmal die Aufgabe gestellt, ein Buch mitzubringen, das uns viel bedeutete. Die Schülerinnen und Schüler mit meist gebildeten Eltern legten «Die Kunst des Bogenschiessens» oder die Tagebücher von Paul Klee vor. Ich brachte einen alten Ackermann-Katalog mit. Darin befanden sich richtige Wollfäden. Die wunderbarsten Farben wurden greifbar». Als Peter Jenny als grosser aber kritischer Bauhausfan miterleben musste, wie 1964 in Zürich derselbe Bauhausunterricht mit Farbenlehre, Perspektive und Modellieren über die Bühne ging, wie 1919 schon am Bauhaus – da wusste er: Es muss etwas geschehen. Peter Jenny wechselte in die Klasse «Farbe+Form». Die «F+F» war Avantgarde. Hier wurde man zum Nachdenken animiert, aber auch stark durch die damaligen Kunstrichtungen geprägt. «Ich wollte aber nie Künstler werden. Mich interessierten die Grundlagen der Gestaltung. Ich wollte Probleme lösen. Künstler arbeiten jedoch auch ohne ein Problem lösen zu müssen.»

Peter Jenny verliess die Schule und gestaltete ab 1965 die Zeitschrift «du». In dieser Zeit lernte er Robert Frank, René Burri und Henri Cartier-Bresson kennen – und wollte Bildredaktor beim «Stern» werden, der lange als eines der deutschsprachigen Leitmedien galt. Dazu kam es nicht. Stattdessen kreierte er einen neuen Vorkurs, in dem er seine Vorstellungen von der Schulung der Wahrnehmung verwirklichen konnte. Der damalige Schuldirektor meinte jedoch, wenn Peter Jenny einen Vorkurs übernähme, würde niemand mehr etwas über den Maler Max Gubler lernen. Seine Ideen konnte er dennoch in verschiedenen Vorkursklassen in dem von ihm unterrichteten Fach «Information» verwirklichen: «Wir spielten auf dem Platzspitz «Himmel und Hölle»: Wer lockt die Tauben am besten mit Fütterungstechniken ins Spielfeld? Oder wir übten uns im Püürli werfen.»

1970 hat Peter Jenny dann doch gekündigt. Die Schülerinnen und Schüler protestierten postwendend: «Gopferchlemmi bliib doch Jenny!». Dies war die erste öffentliche Demo an der Schule, doch es half nichts: Jenny ging – zusammen mit den Dozierenden Doris und Serge Stauffer, Hansjörg Mattmüller und allen Studierenden der Klasse – und gründete mit den Stauffers und Mattmüller die unabhängige «F+F – Schule für experimentelle Gestaltung». Da unterrichtete er bis 1977. Ende der 90er-Jahre kam er für eine kurze Zeit in die Schulleitung der F+F zurück.

1977 wurde Peter Jenny Professor an der Architekturabteilung der ETHZ, wo er das Hauptfach Grundlagen der Gestaltung unterrichtete. Er experimentierte zusammen mit den Studentinnen und Studenten an Kamera-Obscuras aus Schweineblasen, kreierte eine Linienlehre mit Kopfhaaren und erfand unzählige Übungen, um seine Theorien des ganzheitlichen Lernens umzusetzen. Von 1990 bis 1993 war er Vorsteher der Architekturabteilung.
 
2005 erschien ‒ quasi als Abschiedsvorlesung – sein tolles Werk «Metaphern zur Wahrnehmungs­kunst». Das Buch ist eine Anleitung für offene Geister, in einer immer abstrakteren Welt grundsätz­liche Betrachtungsfähigkeiten und Ausdruckskraft zurückzugewinnen und in der Bilderflut den Blick auf Darstellungen zu schärfen. Es geht Peter Jenny in seiner Wahrnehmungsschule nicht in erster Linie darum, zeichnerische Fertigkeiten zu erlangen, sondern Spielfreude und Fantasie zu entwickeln.
 
Heute wirkt er wieder im Glarnerland. Er arbeitet weiter an seiner Schule für Autodidaktinnen und Autodidakten, holt anderenorts verpönte Kunst ins Tal und bemüht sich, dem Kulturleben in seinem Umfeld einen fruchtbaren Boden zu bereiten.

Text: Matthias Gallati
Zeitzeug:innen
«Die Realität konservieren»
O'Neil Bürgi, Alumnus Studiengang Film HF, 2018, Bild: Pascale Florio
An der diesjährigen Ausgabe der Solothurner Filmtage zeigt F+F Alumnus O’Neil Bürgi seinen Dokumentarfilm Ale. Der Film über eine junge Wrestlerin läuft im Wettbewerb um den Publikumspreis.

Die Kamera hatte O’Neil Bürgi schon als Teenager in der Hand, damals filmte er noch mit der Familienkamera auf VHS-C. «Es faszinierte mich, dass ich mit dieser kleinen Kiste die Realität einfangen und für immer konservieren konnte.» Nach der soliden Malerlehre, stieg er Praktikum um Praktikum tiefer in die Filmszene ein. Er sammelte Erfahrungen am Set bei Filmen und Werbespots, als Videojournalist und im Schnittraum. Seine praktischen Erfahrungen wollte er aber mit einer Ausbildung festigen und fand so den Weg an die F+F.

Neben dem berufsbegleitenden Studiengang Film arbeitete er weiter als Editor. «Parallel arbeiten zu können, erleichtert natürlich die Finanzierung. Vor allem gewann ich so aber frische Ideen für den Job», sagt O’Neil und erzählt vom Austausch unter den Studierenden: «Es ist wie ein Labor für Kunstschaffende, Kreative und alle die es werden wollen.» Neben dem filmischen Handwerk geht es im Unterricht auch darum, Dossiers und Konzepte zusammenzustellen. Schliesslich kann kein Film ohne Finanzierung produziert werden. O’Neil weiss, was er will: Sich nicht festlegen auf ein Genre. Und sich nicht für den Markt verstellen. «Dafür bin ich zu jamaikanisch», lacht er. Sein Studium hat er abgeschlossen mit einem düsteren Trickfilm. Für Cat Noir zeichnete er in 115 Tagen jedes der rund 3 600 Bilder einzeln. Eigentlich ist die F+F nicht auf Animationen spezialisiert, trotzdem wagte er es, brachte sich die Techniken und Programme selbst bei: «Es war ein riesiges Experiment, ein Experiment, das auch die Schule unterstützte. Mit viel Lust und Energie ist an der F+F fast alles möglich.» Das Experiment gelang. Cat Noir ging ab «wie ein Raketli» und gewann mehrere Preise an Festivals.

Zwei Jahre später kann O’Neil Bürgi nun mit dem Dokumentarfilm Ale auf einen Preis aus Solothurn hoffen. Das Plakat zum Film hat die F+F Alumna Valentina Morrone gestaltet – die Kontakte halten über die Schulzeit hinaus.

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
On-Off mit der Kunst
Dijan Kahrimanovic, Alumnus Fotografie HF, Diplom 2014
Bevor Dijan Kahrimanovic Kunst gemacht hat, war er Metzger. Nachdem ihn die Kunst verlassen hat, arbeitete er im Büro und im Handel, Import/Export.

«Ich und die Kunst», sagt Dijan, «führen eine On-Off-Beziehung. Wie jede Beziehung muss man auch die zur Kunst pflegen, an ihr arbeiten, sich immer wieder neu sammeln.» Inzwischen haben die beiden wieder zueinander gefunden. Mit der Arbeit in einer Galerie fördert er junge Künstler:innen, auch privat baut er eine kleine Sammlung auf. «Das geht sogar mit dem Budget eines Kreativen», lacht Dijan.

Der Blick auf die Werke regt ihn zu eigenen Arbeiten an. Dijan Kahrimanovic arbeitet gross, raumgreifend, raumnehmend: Ein Panzer? Ein Pickup? Oder doch im kleineren Format, aber nicht unbedingt leiser: Ein gefälschter Pass, das Archivbild als fiktives Zeugnis. Performativ oder in Installationen verhandelt er immer wieder die Rolle der Kunst, des Künstlers in der Kunstszene, auf dem Kunstmarkt.

An der F+F hat Dijan nach dem Vorkurs Fotografie studiert. «Dort hatte ich eine anstrengende, aber eben auch die beste Zeit.» Seine Projekte plante er aufwändig, spähte bei anderen Abteilungen, machte zwischendurch noch einen Austausch nach Boston. «Die F+F gibt kein Ziel vor. Sie gibt Stichworte und von dort aus führen hunderte Wege fort», sagt Dijan, «letztlich geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, eine Haltung zu entwickeln.» Trotzdem spürte er schon da, dass seine Beziehung zur Kunst eine komplizierte war. Gelegentlich zweifelte er, gut genug zu sein, um auch ausserhalb der Schule bestehen zu können. Die Einblicke und Perspektiven, die die Dozierenden aus der Praxis mit in den Unterricht brachten, machten ihm Mut: «Es war sehr inspirierend von Figuren wie Walter Pfeiffer zu lernen! Wie er Kunst und Fotografie verknüpft begeistert mich.»

Nach seinem Abschluss wurde seine Arbeit mit dem Helvetia Kunstpreis ausgezeichnet, er stellte an der jungen Kunstmesse Liste aus. Türen öffneten sich, andere schlossen. Es ist eben kompliziert. «Aber inzwischen kann ich Kunst machen, von Kunst leben und gemeinsam mit anderen nach Lösungen für den Kunstmarkt suchen.»

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
Flight 134 – Eine Begegnung mit Felix Cordone
Felix Cordone, Teilnehmer Jugendkurse, Bild: Veronique Hoegger, 2019
Flugzeuge sind seine Leidenschaft – und programmieren und gestalten. Felix Cordone wurde vor 14 Jahren in Chicago geboren, wohnt heute in Thalwil und hat einiges drauf.

Mit seinen Freunden baut er an einer Website, die online leicht verständliche Informationskarten von Flughäfen anbietet. Auf dass sich nie mehr jemand verläuft in den meist labyrinthischen Organismen der Welt! Die Website heisst www.flight134.com und ist nach einer Flugnummer benannt, die Chicago mit Zürich verbindet.

Bereits mit zehn hat er sich Adobe-Illustrator beigebracht. Später kamen die Programmiersprachen Phyton und HTML dazu. Er lernt schnell und will alles genauer wissen. «Ich will noch mehr lernen. Jetzt bin ich noch jung, später habe ich die Möglichkeiten nicht mehr so», sagt Felix Cordone. So hat er sich bald auch genauer damit beschäftigt, wie Grafik funktioniert und wie man etwas überzeugend präsentieren kann. Denn er wollte seine Website an der Privatschule vorstellen, die er besucht und da musste sie «top» aussehen. Seine Eltern haben ihn schliesslich darauf gebracht: Felix absolvierte einen Semesterkurs für Jugendliche an der F+F. «Ich fand es cool, weil man hier entspannt sehr kreativ sein kann. Die Schule ist ruhig und die Lehrer nett. Alles ist überhaupt nicht stressig.» Er kann sich gut vorstellen, später den Vorkurs an der F+F zu besuchen. Das Logo für flight134 hat er nun schon mal entworfen.

Text: Matthias Gallati
Zeitzeug:innen
«Die F+F ist eine Schule, an der man nichts muss, aber alles kann.»
Bianca Gadola, Alumna des HF-Studiengangs Film berufsbegleitend, 2020
Sie hält viele Töpfe auf dem Herd. Bianca Gadola studierte an der F+F Film berufsbegleitend zu ihrer Arbeit als Kuratorin und Köchin.

Allen drei Tätigkeiten ist die Kreativität gemeinsam und der Takt, in dem gearbeitet wird: «In der Küche wie auch am Set braucht man den Blick fürs Ganze – nur wird einem beim Dreh nicht ganz so heiss wie am Herd», sagt Bianca.

Diesen Überblick brauchte die junge Filmemacherin auch für ihr Diplomprojekt Ex-Nihilo, ein Film über das Filmemachen und die Entstehung des Weltalls aus dem Nichts, Science-Fiction auf der Metaebene. Neben der Konstruktion der vierfach verstrickten Geschichte, war auch die Umsetzung herausfordernd: «Ein Dreh ist krass. Als Regisseurin muss man alles planen und auf jede Frage eine Antwort wissen.» Diese Antworten überzeugten auch die Jury, die ihr für die stimmige Inszenierung den F+F Förderpreis 2020 verlieh.

Und Ideen für das Nächste Projekt hat Bianca zu genüge, vom Kammerspiel bis zum Schweizer Heimatfilm sprudelt es in alle Richtungen: «Mich interessieren die grossen Theorien und die banalen Kleinigkeiten.» Bevor sie an die F+F kam, studierte sie Kunstgeschichte und Filmwissenschaften. Die meisten Studierenden bringen eine gewisse Erfahrung und unbedingte Motivation mit. Das nährt den Austausch. «Am liebsten erinnere ich mich an das Konzeptstudium, wo alle ihre Ideen zusammentragen und aus dem Nichts eine Geschichte entsteht», erzählt Bianca. Auch mit den Dozierenden ist der Umgang kollegial: «Mit Freunden schafft man besser.» Die Kontakte halten über das Studium hinaus.

Als nächstes wird Bianca Ex-Nihilo bei Festivals einreichen, am nächsten Drehbuch arbeiten und «einfach weitermachen». Wo man sie in 20 Jahren antreffen wird? «Auf einem Weingut in Italien», lacht Bianca, «aber natürlich bleibt das Filmequipment dort auch nicht in der Ecke liegen.»

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
«Die Entscheidung, in die Kunst einzusteigen, war für mich radikal»
Stefan Kaegi, Alumnus der Kunstklasse der F+F.
Heute ist Stefan Kaegi Regisseur und Autor, mit dem Theaterkollektiv Rimini Protokoll inszeniert er international. Seinen Weg zur Bühne fand Kaegi an der F+F, wo er fünf Semester studierte, Ausstellungen organisierte und sein erstes Hörspiel aufnahm.

Wäre Stefan Kaegi nicht an der Logik gescheitert, hätte er womöglich einem Philosophiestudium den Vorrang gegeben. Stattdessen begann er «in der Provinz» zu inszenieren, die intuitiv entstandenen Theaterprojekte führten ihn an die F+F. «Die Entscheidung, in die Kunst einzusteigen, war für mich radikal». Kaegi ist Autodidakt; dort, wo er aufwuchs, spielte Kunst keine Rolle. «An die HGK (heute ZHdK) wagte ich mich also gar nicht erst. Von der F+F hiess es, man müsse nur gut ‘schnurre’ können – und das konnte ich.» Stefan Kaegi ist heute Regisseur und Autor und arbeitet international. Gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel ­– das Theaterkollektiv Rimini Protokoll – führt er mal als dokumentarisches Theater, mal als szenisches Hörspiel über Bühnen und durch öffentliche Räume. Stefan Kaegi befragt mit Rimini Protokoll die Realität mit jedem Stück aufs Neue und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

Als Kaegi in den 90er Jahren an der F+F studierte, war dort Theater ein «No Go», erinnert er sich: «Man machte an der F+F Performance, aber keinesfalls Theater.» Die Workshops strapazierten denn auch seine Geduld; stundenlanges Schweigen oder einen Meter möglichst langsam zurücklegen, das war nichts für den umtriebigen Studenten. Gleichzeitig schätzte er die Workshops der internationalen Gäste und die Wahlfreiheiten im Studium. Seine Energie entlud er in eigenen Projekten: Er lancierte gemeinsam mit der Performerin Regula J. Kopp einen Ausstellungsraum im Zürcher Bahnhof Selnau und stellte unter dem Titel Jäger und Sammler wöchentlich neue junge Künstler:innen aus, die an wilden Vernissagen gefeiert wurden. An der Schule trafen Hausbesetzer:innen, introvertierte Maler:innen unter Genieverdacht und den Ausgleich suchende Hausfrauen aufeinander. «Wir haben uns damals nicht Studenten genannt, wir haben einfach Kunst gemacht.»

Stefan Kaegi fokussierte auf das Wechselspiel zwischen Inszenierung und Text. Am Audioschnittplatz eines Dozenten produzierte er sein erstes Hörspiel Kugler der Fall, das ihm durch den Verkauf an mehrere Deutsche Radiosender fortan sein Studium finanzieren sollte.

Nach fünf Semestern und kurz vor dem Diplomabschluss an der F+F entschied sich Stefan Kaegi für ein Austauschsemester in Giessen – und blieb dort. Am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften begegnete er Helgard Haug und Daniel Wetzel mit denen er seit über 20 Jahren erfolgreich zusammenarbeitet. In die Schweiz kehrt er gerne zurück, öfters ist er in Lausanne. «Na klar hat die F+F Spuren hinterlassen – aber wie soll man sowas messen…» Seine Zeit an der Schule dokumentiert eine schmale Akte, jedes absolvierte Semester nicht mehr als ein kleiner, orangener Aufkleber.

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
«Manchmal habe ich richtig Sehnsucht»
Walter Pfeiffer – seit den Anfängen dabei, Foto: Walter Pfeiffer, 2021
Walter Pfeiffer war schon immer Künstler. Vielleicht hatte dies die Kunst aber eher bemerkt als er selbst. Der Kunstunterricht in der allerersten Gründungsklasse für Farbe und Form – damals noch an der Kunstgewerbeschule Zürich, aber schon mit denselben Dozierenden wie später an der F+F – sollte seine Welt auf den Kopf stellen.

«Wenn die Studis heute an die Schule kommen, können sie schon alles! Ich wusste damals nichts von Duchamp und Andy. Ich lernte alles an der Schule. Und realisierte erst dort, dass es noch andere Kreative gibt, ähnlich getrieben wie ich.»

An seine eigene Ausbildung beim Künstler Hansjörg Mattmüller erinnert er sich gern. Die Klasse hob sich ab von der restlichen Schule: «Dort war alles so grau und wir waren so farbig», sagt Walter Pfeiffer, «manchmal habe ich richtig Sehnsucht. Ich vermisse die Leute, die ehemalige Bibliothek.» Der Kunstunterricht hat ihm damals eine neue Welt eröffnet, eine zähe Welt, die ihn nur langsam reingelassen hat und nun nicht mehr loslässt.

Bevor ihn die Kunst an sich band, machte Pfeiffer die Ausbildung bei der EPA. Die Arbeit im Kaufhaus lehrte ihn nicht nur das Handwerk als Dekorateur, sondern bot ihm auch eine Lebensschule: Die stichelnden Intrigen unter den Kolleginnen seien keine schlechte Vorbereitung gewesen auf die Strippenziehereien in der Kunstwelt und in der Modeindustrie, denen er Jahre später als Fotograf begegnen sollte.

Walter Pfeiffer redet angeregt, seine Gedanken springen oft schneller als die Zunge. Er lenkt das Gespräch durch Zeiten und Begegnungen, streut im Vorbeigehen seine Bonmots wie: «Mich fasziniert der Schein, die Realität interessiert mich nicht.» Oder: «Ich gehe immer vom Schlimmsten aus, in der Hoffnung, dass es so schlimm gar nicht kommen kann.» Das Anekdotische ist nicht verwirrend gemeint, sondern eine Einladung, ihm zu folgen.

Die intensive Freundschaft zu seinem damaligen Lehrer und Schulleiter Hansjörg Mattmüller führte Walter Pfeiffer in den 70er Jahren an die neue Gestaltungsschule F+F, die sich 1971 als Gegenentwurf abgespalten hatte von der staatlichen, steif geratenen Kunstgewerbeschule. Hier sollte er nun unter dem Titel Inspiration zeichnen unterrichten. Eine didaktische Ausbildung sollte nicht fehlen, denn – der Walti könne ja so gut mit Menschen – so lockte Mattmüller. Und man mag es ihm glauben, dass kein anderer die Ideen so hätte sprudeln lassen können. Der Blick zurück klingt nicht verklärt: «Es war ein Brotjob. Der Lohn reichte gerade für mich und die Katzen.» Die F+F hat wilde Zeiten erlebt, sie war – und ist – aber auch immer ein Ort, an dem man die Kunst ernst nimmt.

Zunächst war die Fotografie für Walter Pfeiffer Mittel zum Zweck, eine Hilfestellung für seine Zeichnungen. Das angeborene Zittern in der Hand liess ihn den harten Blitz als Stilmittel entdecken. Den Blick für den Moment und das Schöne, das Sinnliche und das Lustvolle, den hat er zeichnend wie fotografierend, damals wie heute. Doch erst nach zähen «Lehr und Wanderjahren», mehreren veröffentlichten Büchern wie Welcome Aboard. Photographs 1980–2000 sowie die Ausstellung In Love With Beauty im Fotomuseum Winterthur 2008, entdeckte ihn die Modeindustrie. Plötzlich war er gefragt bei den grossen Namen.

«Für ein Shooting schickte mir ID Magazine die tollsten und teuersten Stücke von London nach Zürich. Ich inszenierte sie mit meinen Studis an der F+F.» Walter Pfeiffer fotografiert für die Vogue und Dior. Und unterrichtet an der F+F – inzwischen Fotografie.

Mit den Studierenden erwandert er die Schweiz mit dem Fotoapparat, er begleitet Projekte und Publikationen. Was er dem Nachwuchs mitgeben will? «Nicht zu fest an die Karriere denken. Durchhaltevermögen, Pünktlichkeit. Humor, Leidenschaft und Offenheit.» Wie er es geschafft hat? «Schicksal, Glück und ein Blick für Gelegenheiten.» Das ist die kurze Antwort. Ausserdem müsse man es aushalten können, eines «aufs Dach» zubekommen. Erfolg ist harte Arbeit – und Walter Pfeiffer ist ein Workaholic. Er erzählt das alles in der Pause zwischen zwei Aufträgen. «In einem Alter, in dem andere längst die Pension geniessen», schimpft er, aber den Ärger nimmt man dem Arbeitsverfallenen so ganz nicht ab.

Text: Anna Raymann
Zeitzeug:innen
Kunst und Leben als Einheit
Thomas Miller, Student F+F 1975–77, Zeichnungslehrer, Zeichnung: Thomas Miller
Am ersten Schultag war er pünktlich vor Ort, so, wie er es sich von zuhause gewohnt war. Nur: sonst war kein Mensch da.

«Irgendwann kam Serge Stauffer mit rauchender Zigarette im Mund auf seinem Velosolex angerauscht. Ich war der Einzige, der pünktlich an der F+F im Drahtschmidli war», konstatiert Thomas Miller. Für ihn war die F+F eine Offenbarung. Thomas Miller kam aus der Enge der Ostschweiz, machte zuerst eine vierjährige Lehre als Bauzeichner. Seine Eltern legten Wert darauf, dass er einen krisensicheren Beruf erlernt. Aufgrund der Ölkrise hatte das Büro in dieser Zeit jedoch keine Arbeit.

«Damals habe ich in einer WG in St. Gallen gewohnt. Alle hatten Freude an der Kunst und ich den Wunsch, mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Der Schweizer Konzeptkünstler H.R. Fricker hat uns von der F+F erzählt. Also besuchte ich da einen Ferienkurs.» Thomas Miller gefiel die Atmosphäre an der Schule so gut, dass er sich für die Klasse bewarb. Er traf mit seiner Mappe unter dem Arm die beiden Gründer Hansjörg Mattmüller und Serge Stauffer. Alles lief gut. Er wurde aufgenommen. «Meine Eltern haben mir zwei Jahre Ausbildung an der F+F bezahlt. Zum Glück wussten sie nicht, was die F+F ist.»

Vor dem Eintritt in die F+F hat Thomas Miller in St. Gallen Abendkurse bei Carl Meffert besucht. Das sollte sich als eine wegweisende Begegnung erweisen. Carl Meffert war ein antifaschistischer Gebrauchsgrafiker, der aus Nazideutschland in die Schweiz und später nach Argentinien flüchten musste. Unter seinem Pseudonym Clément Moreau hat er unter anderem sein Hauptwerk Nacht über Deutschland, eine Serie von Linolschnitten über die Gräuel der Folter, über Gefängnis und Flucht, veröffentlicht. Thomas Miller hat während seiner Zeit an der F+F begonnen, zusammen mit dem Kunsthistoriker Guido Magnaguagno, das Lebenswerk von Carl Meffert/Clément Moreau wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Die F+F war für Thomas Miller auch sonst prägend. «Wir konnten frei arbeiten und die Lehrerinnen und Lehrer vergaben keine Noten. Man muss sich das vorstellen! Die Benotung als Belohnung oder als Strafe steht am Ende einer sorgfältigen Leistungsobservierung. Die Bewertung, ein säkularisiertes Fundament der bürgerlichen Gesellschaft wird von der Gründerin und den Gründern der F+F in Frage gestellt – der Ärger der Institutionen war ihnen sicher.»

Subversiv waren auch seine Arbeiten: In Venedig konnte er im Rahmen der Einladung der F+F seine Fotoserie Erinnerungen zeigen. «Ich fotografierte alle Räume in der elterlichen Wohnung und beschrieb minutiös, was ich darin erlebt habe. Die eindringlichen Schwarz-Weiss-Fotos des Büros seines Vaters, des Elternschlafzimmers und der anderen Räume vermitteln ein düsteres Bild seiner Kindheit. «Dazu angeregt hat mich der Zyklus Fürsorgeerziehung von Carl Meffert und das Arbeitsklima an der Schule ermöglichte mir eine künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.»

Die Fotoserie erschien später in der deutschen Zeitschrift für zeitgenössische Fotografie Glasherz.
Für diese Arbeit wurde ihm 1977 das Kunststipendium der Stadt Zürich zugesprochen. «Das war eine gute Voraussetzung für den Weg in die Kunst. Andererseits musste ich Geld verdienen. Ein Freund machte mich darauf aufmerksam, auf dem freien Weg an der Kunstgewerbeschule die Ausbildung als Zeichnungslehrer zu absolvieren.» Im Gegensatz zur offenen Art an der F+F wurde hier traditionell Kunstgeschichte und Architektur unterrichtet. Bezüglich des künftigen Berufs war die Mischung aus Avantgarde und Tradition für ihn jedoch sehr bereichernd.

Danach hat er 36 Jahre in Winterthur als Zeichnungslehrer gewirkt. Das Vermitteln von Kunst, ein Fachbereich, der im Ansehen des gymnasialen Fächerkanons nicht an erster Stelle steht, war für Thomas Miller eine Herausforderung in der entgegengesetzten Richtung: Der Notendruck war viel geringer als in anderen Fächern. Die Schülerinnen und Schüler kamen deshalb gerne. Sie konnten entspannt mitmachen und mussten sich nicht ständig fragen, ob ihre Leistungen genügend sind. Der Gegensatz von Kunst und Leben löste sich auf.

Dass Kunst und Leben eine Einheit bilden sollen, ist das Credo von Thomas Miller. «Künstler sollten nicht nur auf der Bühne Künstler sein, sondern die Kunst leben – so, wie es die Dadaisten oder die Surrealistinnen versucht haben.» Ein wunderbares Beispiel seiner Überzeugung hat er mir zum Schluss erzählt: «Serge Stauffer bekam 1986/87 einen Lehrauftrag für Kunst- und Kulturgeschichte an der Schule für angewandte Linguistik. Ich folgte seiner Einladung. An der ersten Vorlesung war der Saal übervoll. Die künftigen Übersetzerinnen und Übersetzer holten sich die Semesterbestätigung. In der Pause lichteten sich die Reihen und in der folgenden Vorlesung waren wir nur noch zu Dritt. Ein Semester lang bereitete sich Serge für uns vor. Ihn kümmerte es nicht, dass wir nur drei Nasen waren. Die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben habe ich nie zuvor so wunderbar erfahren!»
Zeitzeug:innen
Menschen sind auch nur Fische
Janine Stählin, Alumna Modedesign HF, 2019, Foto: Veronique Hoegger
Janine Stählin hat 2019 ihr Studium zur Modedesignerin an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich abgeschlossen. Mit Ihrer Kollektion silent rebel hat die 30-jährige Luzernerin den Förderpreis der Schule gewonnen.

Wunderbare organge-weisse, an Fische und Quallen erinnernde, Outfits vor tiefblauem Hintergrund – so präsentiert Janine Stählin eine ihrer Kollektionen auf ihrer Website. «Dahinter steht der Gedanke, dass sich der Mensch manchmal wie ein Fisch im Aquarium gefangen und beobachtet fühlt.» Während ihrer dreijährigen Ausbildung hat sie sich intensiv mit der seelischen Verletzbarkeit des Menschen auseinandergesetzt. «Mir war es wichtig, persönliche Erfahrungen in die Arbeiten einzubringen. Ich wollte das Thema aber nicht depressiv, sondern mit Freude und Humor darstellen.» Dabei ist ihr das Kleidungsstück Mittel zum Zweck. Es geht ihr um die Inszenierung: Um den Menschen, der das Kleidungsstück trägt, wie er sich bewegt, um seinen Ausdruck im Gesicht, um seine Ausstrahlung aber auch um die Musik, die die Kollektion untermalt. «Mich fasziniert es, Emotionen zu transportieren und damit Menschen zu berühren», sagt Janine.

An der F+F hat Janine die nötige Zeit und den Raum gefunden, ihre persönlichen Lebenserfahrungen kreativ umzusetzen. «Die Ausbildung hat mir die Möglichkeit gegeben, mich selber zu entdecken. Und ich habe mein Selbstvertrauen in den Jahren an der F+F stärken können,» resümiert die junge Designerin. Ursprünglich hat sie die Ausbildung zur Sekundarlehrerin gemacht und ist eher zufällig zur Mode gekommen. «Während ich unterrichtete, habe ich gemerkt, dass ich viel Kreativität in mir habe. Ich habe aber lang nicht gewusst, welches Medium für mich das Richtige ist.» In einem Nähkurs hat sie eine Dozentin der F+F kennengelernt, die sie umgehend an die Schule eingeladen hat. «Mir hat das familiäre Umfeld, die Herzlichkeit und Offenheit der Leute an der F+F sehr gefallen».

Die Freiheiten, die die Studierenden geniessen, verlangen von ihnen viel Eigeninitiative. Die Lehrkräfte stehen ihnen aber jederzeit beratend zur Seite. Janine Stählin: «Man ist mega frei. Es ist wenig vorgegeben, aber das ist auch anspruchsvoll.»

Janine hat nun ihr HF-Diplom Modedesignerin in der Tasche. «Mit meinem Abschluss habe ich Bestätigung erhalten, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und ich habe herausgefunden, auf welche Art ich mich ausdrücken kann. Diesen Weg will ich weiterverfolgen.» Ihr momentaner Plan: Zunächst 50 bis 60 Prozent in der Gastronomie und als Lehrerin arbeiten, um die restliche Zeit für eigene Projekte zu nutzen. Das ist auch dringend nötig, denn sonst fehlt der Welt künftig ein Stück fantastische Kreation.

Text: Matthias Gallati